Simone Kühn
| 1974 | geboren in Rastatt |
| 1994 | Abitur Anne Frank Schule Rastatt |
| 1994-1995 | Fünf Monate Aufenthalt in Indien |
| 1995-1997 | Lehramtsstudium Kunst, Germanistik, Geschichte |
| 1997-2000 | Studium der Freien Kunst an der Kunstakademie Karlsruhe bei Helmut Dorner vier Wochen, NewYork |
| 2000-2002 | Studium der Freien Kunst an der Kunstakademie Karlsruhe bei Antje Majewski und Simone Westerwinter |
| 1998-2002 | Dozentin an der Jugendkunstschule Karlsruhe |
| 2002 | Kunstdiplom an der Kunstakademie Karlsruhe Umzug nach Hamburg |
| 2003 | Aufbaustudium, Visuelle Kommunikation an der HfbK Hamburg bei Gerd Roscher und Wilhelm Körner |
| 2005 | Dreimonatiger Aufenthalt in Schanghai |
| 2006 | Studienaufenthalt in Bogota und Santiago |
| 2006 | Stipendium für einen Studienaufenhalt an der China Academy of Art in Shanghai/ Hangzhou mit dem Projekt "Wanderin entlang des Flusses" für 2007 Kunstprojekt Marseiille – Hamburg mit Jean – Louis Garnell, Max Armengaud, Patrice Loubon |
„Eine Meisterin des Sehens“
von Noemi Smolik
„Finally, it is we alone who determine whether the world will appear, and so Be, or languish in the darkness of non-Being. We bring things into the light by looking, in the strongest and most important sense of that word. (Kaja Silverman in “World Spectator”)“
„Nothing and nobody exists in this world whose very being does not presuppose a spectator. (Hannah Arendt)“
Das englische Wort “spectator” bedeutet auf Deutsch Zuschauer, Betrachter. Und genau das ist sie, die Foto- und Videokünstlerin Simone Kühn - eine, um es gleich zu sagen, sehr außergewöhnliche Zuschauerin. Eine Betrachterin von tiefster Konzentration, unzeitgemäßer Ruhe, beneidenswerter Geduld und von einer seltenen Gabe, Räume zu öffnen, in denen das von ihr Erblickte zur Erscheinung kommt. Eine ungewöhnliche Zuschauerin auch, weil sie gegen den Strom des Schauens zuschaut.
Sie schaut nicht wie die meisten Menschen in unserer technisch und elektronisch aufgerüsteten Zeit, die mit ihrer immer perfekter werdenden Ausrüstung das Erblickte wie Jäger gnadenlos erlegen, zerlegen, durchleuchten, manipulieren, zerschneiden, ersetzen und damit zerstören.
Nicht zufällig spricht der französische Philosoph Alain Badiou in seinem letzten, sehr lesenswerten Buch “Das Jahrhundert” über die Passion der Zerstörung, von der das letzte Jahrhundert auf allen Gebieten, auch auf dem der Kunst, geradezu besessen war.
Simone Kühnn erlegt und zerlegt nicht. Der Auslöser ihrer Kamera verwandelt das von ihr Gesehene nicht in Bilder, die durch Tod und Zerstörung erstarrt sind und die wie kraftlose Opfer sich jeder Art von Manipulation überlassen. Im Gegenteil: Ihre mit der Kamera festgehaltenen Bilder leben. Sie atmen, sie strahlen, sie ersticken im Dunst des Nebels.
Es sind keine starren Bilder, sie enthalten Bewegung, sie fließen. Oft sind Flüsse Motive ihrer Aufnahmen. In Bogota nahm sie 2006 den Fluss Funza auf, bekannt auch als Rio Bogota, der zu den meistverschmutzten Flüssen der Welt gehört. Braunes Wasser umfließt aufgetürmte Matratzen, Leiter und undefinierbare Holzgestelle, die von Teppichresten und schmutzigen Lappen umwickelt sind. Wie schematische Phallen inmitten geheiligter Gewässer sehen sie aus: Selbst dem Dreck haftet eine durch den Blick der Künstlerin verliehene Würde an.
In Santiago de Chile fotografierte sie 2006 den Fluss Mapocho und in China nahm sie mit der Videokamera in Chonquing, der größten Stadt der Welt, ihren Fluss auf. In ihrem nächsten Projekt will sie weiteren Flüssen mit ihren verschiedenen Kameras folgen.
Der Fluss in Bogota ist mit einer Fotokamera aufgenommen, die Aufnahme vor der Stadt in China ist ein Video. Zwei Verfahren, deren Bilder sich grundsätzlich unterscheiden: Im Foto ist die Bewegung eingefroren, das Video folgt der Bewegung. Der Gegensatz ist normalerweise nicht zu übersehen. Nicht so bei den Aufnahmen von Simone Kühn.
Ihre Fotoaufnahmen scheinen die Bewegung beibehalten zu haben. Dagegen zeigen ihre Videosequenzen, die immer von einem Standpunkt aus aufgenommen sind, kaum Bewegung. Von der Terrasse eines Restaurants schaut die Kamera ruhig und gelassen dem langsamen Fliessen des Flusses in Chonquing und den bis zu den Knien im Wasser stehenden Fischern auf dem anderen Ufer zu. In diesem Video zeichnet sich kaum Bewegung ab.
Dagegen sind die Fotoaufnahmen, etwa des Flusses Funza in Bogota, geradezu von Bewegung bestimmt: Bewegte Fotos, stillstehende Videos, so könnte man ihre Aufnahmen bezeichnen, die nicht nur zusammengehören, sondern sich ergänzen. Ihre Gegenüberstellung in einem Raum erzeugt eine sonderbare Stille, Langsamkeit und Ruhe, eine zeitweilige Aufhebung der Zeit, die den westlichen, von anhaltender Zeitnot getriebenen Betrachter für einige Augenblicke innehalten lässt.
Eine der letzten und gleichzeitig beeindruckendsten Arbeiten von Simone Kühn sind vier Videoaufnahmen von 2007 im chinesischen Guangzhou. Sie zeigen jedes mal ein mit Holzgitter verziertes Fenster, das durch eine ovale oder runde Öffnung den Blick in den Garten einer chinesischen Tempelanlage gewährt. Die Öffnungen sind mit Glasscheiben, in die Blumenmuster geritzt sind, verglast. Es bewegt sich kaum etwas hinter den Fenstern, nur das Zwitschern der Vögel macht deutlich, dass es sich um kein Standbild handelt. Und trotzdem sind diese Bilder voller Spannung, weil sie mehr verdecken als zeigen, weil sie Erwartungen wecken, weil sie die Begierde, mehr sehen zu wollen, erzeugen.
Sehen ist Begehren, schreibt in ihrem Buch “World Spectator” Kaja Silverman. Man will nicht nur mehr sehen, man will vor allem auch sehen, was sich hinter dem Fenster, hinter der Wand, dem Vorhang abspielt. In einer der ersten Videoarbeiten von Simone Kühn aus dem Jahre 2002 sieht man eine Wand mit einem Fenster. Eine Gardine verhindert die Sicht. Ab und zu wird sie vom Wind zur Seite bewegt und da erblickt man weit, weit in der Tiefe einen fahrenden Zug. Und schon deckt die Gardine die Sicht wieder zu. War es ein Traum? Eine Erscheinung? Noch einmal, bitte!
Immer wieder findet man in den Fotos wie in den Videos dieser Künstlerin den Blick verstellt. Nur eine Öffnung, ein Riss oder, wie in der Fotoaufnahme, die in einer chinesischen Nudelfabrik entstand, ein Spalt zwischen den zum Trocknen aufgehängten Nudeln leiten den Blick. Aber worauf gibt der Spalt den Blick frei?
In einer der schönsten Videoaufnahmen von Simone Kühn sieht man die Dächer von Marseille in der untergehenden Sonne aufleuchten. Am Horizont das bereits dunkel gewordene Meer. Alles ist ruhig, alles neigt sich der Stille der Nacht zu. Nur von einem Fenster breitet sich Unruhe aus. Es ist das flackernde Licht eines Fernsehgeräts. Stille, die von Unruhe überstrahlt wird. Selten hat man diese beiden Gegensätze so ineinander verkeilt geschaut. Und selten hat man als Zuschauer das Gefühl gehabt, selber angeschaut zu werden.
Denn auch das ist eine Stärke in den Aufnahmen dieser Künstlerin. Sie blicken einen an und treten so mit dem Zuschauer in einen aktiven Dialog. Was du siehst, blickt dich an, behauptet nicht nur Katja Silverman. Auch der französische Bildtheoretiker Georges Didi Huberman ist mit diesem Spruch bekannt geworden. Wie wahr angesichts der Aufnahmen von Simone Kühn aus China, Südamerika, Philippinen und Europa. Die ganze Welt sieht dich an.
Sehen ist sich sorgen, sagt Kaja Silverman, sich auf Hannah Arendt berufend. Erst die Sorge öffnet uns der Welt. Erst die Sorge schafft Bedingungen, unter denen das Erblickte erscheinen kann. Simone Kühn gelingt es spielend, solche Bedingungen zu schaffen, weil sie eine Meisterin des Sehens ist.
„Wanderin entlang des Flusses“
Seit geraumer Zeit setze ich mich künstlerisch mit dem Fluss auseinander. Der Fluss bedeutet nicht singular ein ganz bestimmter Fluss. Nein, es sind die Flüsse an den Orten durch die ich als Wanderin komme.
Das Wort „Fluss“ ist für mich ein fundamentales Daseinsprinzip. Die Wege am, im und in der Nähe des Flusses will ich künstlerisch sichern und beschreiben. Ein Wegwart im eigenen Auftrag, magischen Spuren hinter her, durch verlassene Orte an den Ufern des Flusses. Des Flusses durch eine stille Stadt. Eine Stille geworden von überhöhtem Lärm. Als Wanderin und Beobachterin aller veränderlichen und statischen Prozesse.
Diese realen Bildobjekte, von Unrat, weggeschwemmten Dingen, Behausungen und Durchblicken, in reduzierter Farbe verzaubert durch das Wasser, stellen romantische Tragödien dar. Der Fluß mit seinem Namen, seiner eigenen Geschichte und den Sagen seiner frühsten Zeiten spricht zu mir. Mein Geschenk an Ihn sind meine Fotografien und Filminstallationen, welche von Ihm erzählen.
Es begann damit das ich in der TransMilenio (Schnellbahn) aus den Fluss Funza, bekannt als Rio Bogota, beobachtete. Funza ist der Fluss der durch die Stadt Bogota, die Hauptstadt Kolumbiens führt. Er ist einer der am stärksten verschmutzten Flüsse Südamerikas.
Meine Aufmerksamkeit blieb an der trostlosen Ästhetik dieses Ortes hängen. An den angeschwemmten Dingen die die Stadt ausgespukt und verloren hat. Nun begann ich das hier vorgefunden zu dokumentieren und die bühnenartigen Szenarien fotografisch und als Filminstallationen fest zu halten.
Die zweite Station meines künstlerischen Schaffens war im Anschluss der Fluss Mapocho, der sich durch Santiago, die Hauptstadt Chiles, windet. Mein Antrieb, mich für dieses Stipendium zu bewerben, ist die Auseinandersetzung mit den Städten und ihren Flüssen weiter zu führen.
Und in der Stadt Hangzhou entspringt der historische Kaiserkanal, die längste von Menschen künstlich geschaffene Wasserstrasse der Welt, neben der Chinesischen Mauer wohl eines der beeindruckendsten Bauwerke des Landes, und eine der wichtigsten Verbindung in den Norden Chinas.
Über Simone Kühn
Frau Kühn hat nach ihrem Studium an der Kunstakademie in Karlsruhe ein Aufbaustudium an der HfbK Hamburg absolviert. Bei ihrer Abschlusspräsentation hat sie vor allem mit ihren eigenwilligen Video-Arbeiten überzeugt, die an einer interessanten Schnittstelle zwischen Dokumentation und Video-Installation unsere Sehgewohnheiten verändern.
Beeindruckend ihr „Fensterfilm“, in dem sich hinter einem Ausschnitt ein weiterer öffnet. „Das wahre Fenster zur Welt ist immer ein geschlossenes“ , schreibt sie in ihrer Diplomarbeit mit dem Titel: „offenes Ende“ ; es erlaubt sich von der Welt zu trennen. Die Eindrücke der Welt als gebrochene Spiegelungen.
Dies gilt auch und besonders für ihre Fotoreisen, die sie jetzt nach Südamerika und nach China geführt haben. Oft sind es Serien, die ihren Ausschnitt nur geringfügig verändern: fragile Ortsbestimmungen, die das Fremde eher abtasten statt es zuzurichten. „Das Bild hält die Welt gefangen“, schreibt sie. Das ist das Thema ihrer künstlerischen Arbeiten und der implizite Versuch, es zu befreien.
In ihrem neuen Projekt „Der Sessel“ geschieht dies auf eigenwillige Weise, nimmt doch der Film teil an einem künstlerischen Verfahren, das wie ein Fenster in einer Installation konfiguriert ist, andere Verweise aber nicht herstellt. So ist der Betrachter auf das minimale Geschehen zurückverwiesen, die Bewegungen des Windes und der Wellen und lässt Raum, die ungeklärte Situation (ein Sessel im flachen Wasser) zu überdenken.
Ist die Konstellation das Dokument einer „unerhörten Begebenheit“ , ist diese evoziert? Da sich kein dramaturgisch gegliederter Ablauf ergibt, bleibt für die Intention des Betrachters Neues zu sehen.
Vor fünfzig Jahren hat Günther Anders in dem Kapitel „ Die Welt als Vorstellung und Matrize“ darüber geklagt, dass das Fernsehen nicht mehr in die Welt blicken lässt, vielmehr die Welt zurückschaut. Die Arbeiten von Simone Kühn sind der Versuch, den eigenen Blick zurückzugewinnen.
Prof. Gerd Roscher , Hochschule für bildende Künste Hamburg, Hamburg
| 2008 | "Offenes Ende", galerie der HfbK Hamburg |
| Stipendium an der China Academy of Art, Shanghai/Hangzhou | |
| 2007 | Biennale für Videokunst, Vejle Museum in Dänemark |
| galerie molitoris, Hamburg | |
| 2006 | Gruppenausstellung Plattform #3, Kunstverein Hannover |
| Jahresausstellung HfbK Hamburg | |
| 2005 | galerie molitoris, Hamburg |
| 2004 | Gruppenausstellung Galerie Alfred Knecht Karlsruhe |
| Jahresausstellung HfbK Hamburg | |
| 2003 | Jahresausstellung Kunstakademie Karlsruhe |
| 2002 | "Offenes Ende", Diplomausstellung Kunstakademie Karlsruhe |
| 2001 | Jurierte Gruppenausstellung Kunstakademie Karlsruhe |
| „W.i.m“ Kleine Werkschau, Einzelausstellung Galerie Flur in Rastatt | |
| „Artslam“, Gruppenausstellung im Tempelkomplex Karlsruhe |




