Georg Molitoris

Klaus Mertens

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1950 geboren in Bonn
bis 1984 Architekturstudium mit Abschluss Dipl.-Ing. und Arbeit als Architekt
ab 1985 Studium an der HdK Berlin und Meisterschüler bei Georg Baselitz
seit 1991 frei schaffend

Klaus Mertens, „Farbwäsche“

6. bis 29. September 2007 in der galerie molitoris
Einführung: Angela Holzhauer, M.A.

„Wir Wiener Waschweiber würden weißere Wäsche waschen, wenn wir wüssten, wo wirklich weiches, warmes Waschwasser wäre.“ Farbwäsche – Gehirnwäsche – Gewäsch – auf in den Waschsalon! Ach, könnte man doch alte Bilder waschen lassen, und frisch und gestärkt zurück in eine waschechte Galerie tragen… Farbecht – Farbpalette – Farbpixel - Mega-Perls – colorproofed – fließende Farben – Das Leben ist ein Fluss – Das Leben hat sich gewaschen!! Damit diese unsinnigen Gedankenwaschgänge aber nicht auf Sie abfärben, fangen wir jetzt an.

Klaus Mertens ist 1950 in Bonn geboren, studierte zunächst Architektur, arbeitete als Architekt in einer gesicherter Stellung, um dann mit 35 Jahren mit dem Studium der Malerei an der HdK Berlin zu beginnen. Denn ganz eigentlich wollte er immer schon Maler werden, wurde dann 1991 sogar Meisterschüler von Georg Baselitz. Der Lehrer bestärkte ihn in der Holzschnitttechnik. „Das mit dem Malen hat sich dann zunächst ganz von selbst verflüchtigt“, sagt der Künstler über sich. Wie bei der Architektur muss man beim Holzschnitt planen, Klaus kommt von der Konstruktion her, räumliches Denken liegt ihm also. In seiner Serie „Woodcut Tattoo“, die hier in der Galerie vor drei Jahren schon einmal ausführlich gezeigt worden ist, von denen wir hier rechts vom Eingang zwei fast monochrome Beispiele sehen können. – Wie wir sehen, wird der Körper geradezu in Konstruktionslinien aufgelöst.

Somit sind wir schon mittendrin in dieser Ausstellung, die gleichzeitig so etwas wie eine kleine Retrospektive des Werks von Klaus Mertens ist. Bleiben wir zunächst bei den Holzschnitten: die zwei „Woodcut-Tattoos“, diese in Fragmenten aufgelösten Körperhälften, sind aus dem Jahr 1999. Bitte übersehen Sie auf keinen Fall den Hund im Schaufenster, 1996, der die Galerie bewacht, den der Galerist dort extra für seine Kiez-Freunde hingehängt hat. Und hier an der runden Wand drei weitere, kleinere Holzschnitte von 1996. Diese sind mir schon bei einem Besuch vor einigen Wochen im Atelier von Klaus in Berlin-Wedding aufgefallen. Diese Unikate sind zum einen mit einer herrlich sinnlichen Ölfarbe gedruckt, einer Farbe, die Klaus mit seiner Künstlerfreundin Lisa Huber zusammen nach der Wende in irgendeinem Keller der Ex-DDR gefunden und mitgenommen hat. (Lisa ist Künstlerin meiner Galerie, über Lisa kenne ich Klaus) Diese Ölfarbe macht, dass die Farbe so schön ausblüht, zum Beispiel bei diesem Masken ähnlichen Motiv in der Mitte wie ein großzügig aufgetragener Lidschatten über den Augen blüht. Und zum anderen könnte man bei diesen gekonnt einfachen Arbeiten von „afrikanischer Archaik“ sprechen, was ich bei Holzschnitten besonders schön und expressiv finde. Und ferner verweisen die Drucke auf eine Sehnsucht, eine Neugier auf die Kultur Afrikas. Eine Neugier, die Künstler aller Zeiten um getrieben hat, besonders eben die Expressionisten. So Ludwig Kirchner, der im Völkerkundemuseum in Dresden danach forschte, oder Karl Schmidt-Rottluff, der über die damals so genannte „Neger“-Plastik nach reinem Ausdruck suchte. Klaus wird sich selbst seine Afrika-Neugier schon Ende der kommenden Woche stillen können: Denn er fliegt am 12. September zunächst für drei Monate nach Äthiopien, nach Addis Abeba, um dort zu arbeiten.

Den Holzschnitten gegenüber gestellt – die Aquarelle. Da sehen wir über der Treppe ein älteres auf einem unkapriziösem Kartonpapier - „Entenflug“ von 1987, Viecher im Doppelpack, in gekreuzter Situation. Und schön beschwingt die beiden Burschen beim Schreibtisch: „Swing Boys“. Das sind alles frühe Arbeiten, zum Studienbeginn. Ganz frisch hingegen, nämlich erst in den vergangenen Wochen entstanden – und definitiv der Kern der Ausstellung – die große Wand: „Der betrunkene Esel“, „Indian Summer“, ein paar Skizzen, in denen sich Klaus der Reduktion des Darzustellenden näherte, der Kapuzenmann, der Bootsausflug. Interessierte ihn in den vergangenen Jahren, s. Holzschnitte, der nackte menschliche Körper, ist es jetzt durchaus die Kleidung. Verwandt auf alle Fälle der strukturelle Aufbau der Figuren und die gepixelte Darstellung. Und – wie im Falle des Kapuzenmannes - super deutlich, man erkennt den Körper darunter. Wer ist dieser Mann? Sind das wir, der Betrachter, ein Bildaufbautrick, der uns wups! hineinzieht in das Bild? Oder ist es ein Selbstbildnis? Der Maler hinter der Kapuze, was führt er im Schilde? - Es zeugt von einem innovativem Ansatz dieser von Klaus ganz neu aufgegriffenen Aquarelltechnik, die Linie vor einem Raster zu strukturieren, sie dann wieder auf zu weichen in einem flüssigen Arbeitsprozess und in Farbharmonie fließen zu lassen.

Zu den Farben: Klaus nimmt nicht reine Aquarellfarben, wir sehen Tusche und Tinte in Aquarelltechnik umgesetzt. Klaus wollte fließende Farben darstellen, was wunderbar gelungen ist - auch ohne Aquarellfarben. Wichtig erscheint mir auch zu bemerken, dass nicht das Sujet, sondern das Gelingen beim Abenteuer Darstellung an sich über Rang und Qualität eines guten Bildes entscheidet.

Was motivierte nun Klaus, die Technik zu wechseln? Es ist tatsächlich die anstehende Reise nach Afrika. Der Maler geht auf Reisen. Material für Holzschnitte wäre viel zu schwer und sperrig. Und so macht Klaus diese anstehende Reise zum Thema, den Technikwechsel zum Thema - und der ehemalige Architekt konstruiert erneut ein kleines bisschen rum – dieses Mal an der Technik, beziehungsweise an seinem Ouevre als Ganzes. Aquarelle malen auf Reisen – auch damit befindet er sich in allerbester Gesellschaft. Schon Emil Nolde, der meisterhafteste aller Aquarellmaler, wechselte die Technik beim Reisen, malte auf seiner Südseereise 1913/14 und der Spanienreise 1921 diese zauberhaften, leichten, licht-durchlässigen Aquarelle.

So, und jetzt kommen wir schon zum letzten und wichtigsten Waschgang: Ein Maler ist eigentlich immer auf Reisen. Und Klaus, so wie ich diesen wahrhaft intellektuellen, dabei schalkhaft-witzigen Künstler bislang kennen gelernt habe, sowieso: Im Kopf, im Geist, mit allen Sehnsüchten. Und wenn er sich einen Reisebegleiter nach Afrika auswählen dürfte, behaupte ich kess, würde er Philip Guston aussuchen, den neben Jackson Pollock und Willem de Kooning wichtigsten amerikanischen Maler des Action-Paintings, für dessen Linienführung und Sujetmut Klaus absolut schwärmt. Der Kapuzenmann, der Maler hinter der Joppe, das Bild, also vielleicht auch ein Zitat oder eine Hommage an die zahlreichen Ku-Klux-Klan-Figuren-Bilder eben seines Malervorbilds Gustons? Mit einem Zitat dieses 1980 gestorbenen und in Deutschland erst vor einigen Jahren anschaulich gewordenen Malers will ich enden:

„Die Nervosität des Schaffenden ist das, was man jedenfalls hat – man hat sehr wenig anderes...(und daher folge ich dem)...Rat, den ich mir selbst gebe:

Mach Dir keine Gesetze.
Entwickle keine Gewohnheiten.
Du bist nicht im Besitz eines Weges –
Du bist nicht im Besitz eines Stils –
Du hast nichts endgültig außer einen mysteriösen Drang – den Stoff zu benutzen...“ *

Philip Guston sah sich selbst jedenfalls eher als Suchenden – und da sehe ich auf alle Fälle eine Verwandtschaft zu Klaus, dem suchend Reisenden. Es ist genau dieser Trieb, dieser Drang, genau diese Energetik, die die Begründung für den begonnenen und hier exklusiv ausgestellten Technikwechsel liefert.

Angela Holzhauer

* aus Philip Guston – Works on Paper, Kunst Museum Bonn:
The nervousness of the maker is what one has – very little else – [and thus I follow]
Advice to myself-
Do not make laws.
Do not form habits.
You do not possess a way –
You do not possess a style –
You have nothing, finally but some “mysterious” urge – to use the stuff – the matter…”

„Woodcut Tattoos“ 2003 - Geheime Symbole oder einfach nur Ornamente?“

„Der Drang sein Gesicht und alles, was einem erreichbar ist, zu ornamentieren, ist der Uranfang der bildenden Kunst. Es ist das Lallen der Malerei. Alle Kunst ist erotisch.“
Adolf Loos, Architekt und Kritiker, 1908

Lebensgroße Formate in klassischer Holzschnitttechnik auf Wan-Zan-Papier (Chinesisches Reispapier) kreisen thematisch um den menschlichen Körper. Den Künstler interessiert weniger die naturalistische und perfekte Abbildung der menschlichen Figur. „Woodcut Tattoos“ - der starke Verfremdungseffekt bei der Darstellung seiner Figuren und die daraus reflektierende Verselbstständigung der Körper und Porträts - wirken vielmehr rätselhaft, atmen stille Monumentalität und leises Pathos.

Oberflächen und Texturen der Körper verschieben sich ineinander, fließen auseinander oder werden ausschnitthaft betont. Ein Blick unter die Haut oder doch nur Korsett?

Die Druckfarbe wird teilweise per Hand ausgeführt, was ein zusätzliches starkes Eigenleben der Oberflächentextur bewirkt. Durch die Handabzüge und die Kombinationen der verschiedenen Druckstöcke, entstehen hauptsächlich Unikate. Die Bilder haben etwas Archaisches; sie erinnern an Zeichen und Formen vergangener Zeiten.

Der Künstler lebt und arbeitet in Berlin.

Einzelausstellungen

2007 „Farbwäsche“, galerie molitoris, Hamburg
2006 Unternehmensberatung Cap Gemini, Berlin
2005 Galerie Kunstraum Haerten, Tübingen
2004 GRS, Gesellschaft für Reaktorsicherheit, Berlin
Galerie V-17, Berlin
2003 Galerie Molitoris. Hamburg
Medical one, Hannover
2002 Galerie Tammen und Busch, Berlin
Galerie im Amtshof, Feldkirchen, Österreich
2000 Kunstverein Mittleres Kinzigtal, Stadt Wolfach
Kunstraum Wedding „Körperbilder“, Berlin
1998 Galerie am Prater, Berlin
1997 Atelierausstellung Kultur am Nauener Platz e.V., Berlin
Galerie Papist & Beyenburg, Köln
1996 Dirty-Windows-Gallery, Berlin
1995 Preisträger: Kunst am Bau Wettbewerb an der Berufsschule Villach, Österreich
1994 Galerie Slama, Klagenfurt, Österreich
Galerie Studio 2, Köln
Allianz Generalagentur, Berlin
1993 Atelierausstellung Kultur am Nauener Platz e.V., Berlin
Galerie Röller/Ravens, Berlin
1991 Wintergarten im Literaturhaus, Berlin
Selbsthilfegalerie Crellestraße, Berlin
1989 Verlagsbüro „PRINZ“, Berlin
Centro d’arte e cultura di Sermoneta in Latina, Italien
Galerie Stuhlmann, Wedel
1988 Galerie Vicenz Sala, Berlin
1987 Galerie Roland Schneider, Berlin

Ausstellungsbeteiligungen

2006 Filmhaus Lichtwerk, Rembrandt Projekt, Bielefeld
2005 „Neue Holzschnitte der XYLON“
Spendhaus Reutlingen
Gewerbemuseum Winterthur
Zentrum für moderne Kunst St. Pölten
Neue sächsische Galerie Chemnitz
Galerie Schwartzsche Villa, Berlin
2004 Galerie Tammen und Busch, Berlin
1997 Galerie Papist & Beyenburg, Köln
Galerie Johnson u. Johnson „Zeitriß“ , Berlin
1995 Museum für Zeitgenössische Kunst, Mantova/Italien
1994 Kultur am Nauener Platz: „HEIMAT GELD“, Berlin
1993 Freie Berliner Kunstausstellung, Berlin
1992 Alte Essig- und Senffabrik Neukölln, Berlin
Galerie Lebendiges Museum, Berlin
Freie Berliner Kunstausstellung, Berlin
1989 Kunstverein Niebüll
Künstlerbahnhof Westend, Berlin
Freie Berliner Kunstausstellung, Berlin

Sammlungsankäufe

Sammlung Willy Brandt Haus, Berlin
Sammlung Investitionsbank Berlin
Artothek NBK, Berlin