Georg Molitoris

Johannes Gervé

NEUE ROMANTIK – SEESTÜCKE – Malerei
Ausstellungseröffnung am 27. August 2010 ab 19:00 Uhr

Ausstellungsdauer: 27.08.09 – 24.09.2010

BITTE VORMERKEN: Galerierundgang in Eimsbüttel
Freitag, 27. August 2010 ab 19:00 Uhr I Galerien in Hamburg

Neue Romatik – Seestücke

Das Meer – unendliche Weiten, die regelmäßige Wiederkehr der Gezeiten, das an – und abschwellende Rauschen, wenn sich die Gischt am Strand bricht, die Wolken und die erfrischende Luft – wir alle kennen die wunderbaren Stimmungen am Meer und lassen uns gerne darauf ein. Seelandschaften haben wir hier vor uns, mit wunderbarer Leichtigkeit und Luzidität wiedergegeben, flirrend vor Licht, im Dunst des Frühnebels gebadet oder rabenschwarz wie die Nacht. Wolkentürme gibt es da zu sehen, die träge über Land ziehen und die Behausungen der Menschen am Rand des Meeres, die sich wie aus Farbflecken gebaut organisieren.
Das ist also das Thema von Johannes Gervés Arbeiten: Natur und das Konstrukt Landschaft, das der Mensch aus der Natur macht, der gewählte Naturausschnitt eben. Gervé ist keiner, der die Landschaft im Atelier idealisch neu erfindet. Er ist ein Mensch, der in die Natur hinausgeht, am liebsten raus aufs Meer, als Segler die Welt bereist und malt, was er da sieht, allerdings mit seinen Augen und seinen Vorstellungen von der Welt. Leute die die Meere befahren sind meist sehr eigene Menschen mit festen Vorstellungen und Zielen und unser Maler macht da keine Ausnahme. Ruhe und Bedächtigkeit gehören zum Rüstzeug des Seefahrers, aber auch das Zupacken-Können, die schnelle Entscheidung und vor allem ein Vorausschauen, ein sechster Sinn für das, was gleich passieren wird.
Gervé erlebt die Natur hautnah, macht Skizzen und memoriert Bilder im Kopf, die er dann später im Atelier umsetzt. Derweil haben die Bilder Zeit, sich zu entwickeln, zu verändern, sich zu verabstrahieren.
Und so beschränken sich die dabei entstehenden Bilder auf das Wesentliche: die Eindrücke und Empfindungen, aber auch das Gerüst der äußeren Gegebenheiten, die im Gedächtnis geblieben sind, und das geschieht auf der Leinwand oder dem Papier mit atemberaubender Prägnanz. Am pointiertesten und augenfälligsten sind hier die beiden Nachtbilder, „Dodekanes Nacht“ und „Fähre“. Beim ersten die Ahnung eines Ortes, charakterisiert durch verwaschenes Licht in den Häusern auf einer der Inseln in der Ägäis, beim zweiten eine große schwarze Fläche, darin ein weißer Fleck mit gelben Tupfen. Allerdings, beim näheren Hinsehen, ist das Schwarz nicht schwarz; die farbige Untermalung scheint vor, gibt dem Schwarz Tiefe und man erahnt die Wolken am nächtlichen Himmel. Jeder sieht sofort, was hier gemeint ist: ein Schiff auf dem nächtlichen Meer. Völlig entgrenzt scheint diese gewaltige, dunkle Fläche zu sein, klein das Schiff, mit seiner Beleuchtung der Nacht trotzend, und das alles von schräg oben gesehen.
Dies ist die Perspektive, die Johannes Gervé bevorzugt: der Blick geht von oben auf das Objekt respektive die Landschaft, man behält den Überblick auch als Betrachter und eine gewisse Distanz. Diese Distanz, der Blick aus dem Ausguck, lässt einen die Weite erfahren, die dem Erdenbewohner sonst nur aus dem Flugzeug oder vom Bergesgipfel zuteil wird.
Dann die gewaltige Leinwand „Seestück Cascais“ mit den durch die Wolken brechenden Sonnenstrahlen; ein Bild von beinahe religiöser Andacht vor der Natur. Der Maler kann aber auch anders. Auf weiteren Bildern sehen wir einen extrem niedrigen Horizont; ein schier endloser Himmel baut sich über Land und Meer auf. Bleigrau verhangen, durch Wolkenformationen strukturiert und vor allem bestimmt durch das Licht, lassen die Bilder uns das Herz aufgehen oder die Brust enger werden, je nachdem.
Ein leichter Dunst scheint über vielen dieser Ansichten zu liegen, eine beinahe greifbare Atmosphäre von hoher Dichte, die den Betrachter mit einfängt. Ein starker Tiefenzug in den Himmel hinein begleitet die Bilder, die trotz eines strengen, beinahe tektonischen Bildaufbaus leicht und transparent erscheinen. Licht, Schatten und Luft schaffen eine dichte Atmosphäre im Bild, die die Landschaft einbindet und trotz eines hohen Abstraktionsgrades Einzelheiten suggeriert, die tatsächlich gar nicht da sind oder nur in malerischen Kürzeln, in einem kleinen Pinselstrich angedeutet werden. Leicht sind wir abgelenkt durch solche Dinge, die uns die Seherfahrung gelehrt hat. Wir möchten Häuser und Boote erkennen, dabei übersehen wir leicht, dass es vielleicht doch eher die Wolken sind, die das Interesse des Malers geweckt haben. Ganz oft sind es eigentlich Wolkenlandschaften, nur haben wir es bislang nicht gemerkt. Und was für grandiose Wolkenberge gibt es da! Alle Formen können diese annehmen – von beschaulich bis zu bedrohlich, wild bewegt und majestätisch dahin schwimmend. Wenn wir uns wie der Maler einmal Zeit nehmen würden und einfach den Gang der Wolken beobachteten, was könnten wir da alles entdecken. Gervé nimmt sich diese Zeit und Zeit ist auch ein wesentlicher Aspekt in seinen Bildern. Zeitlos scheinen sie zu sein in unserer hektischen Welt, dabei speichern sie die Zeit einfach – die Zeit, die es gebraucht hat, das alles zu sehen und zu verarbeiten, und, glauben Sie mir, das geht nicht so rasch. Wenn die großen Arbeiten den Betrachter förmlich in sich hineinsaugen, sollten wir insbesondere auch den kleinen Bildern unsere Aufmerksamkeit widmen. Ganz besonders beeindruckend die Regenlandschaften, bei denen man unwillkürlich den Kragen hochstellt um nichts abzubekommen. Gervé besitzt ein untrügliches Gespür für solche Stimmungen und trifft sie mit einer Präzision, die von seiner Sehgenauigkeit und großer Erfahrung spricht. Aber auch die anderen kleinen Seestücke, ursprünglich als Skizzen für größere Arbeiten gedacht, und die sich dann doch eigenständig entwickelt haben, zeigen die künstlerische Bandbreite des Malers. Oder die Feuerwerke – da kommt eine anarchische Formensprache ins Spiel, eine Freude an der Farben- und Formenvielfalt, die das Dunkel durchbricht.
Und schließlich wären noch die Siebdrucke zu erwähnen, aufwendig Farbe für Farbe in vielen Arbeitsschritten gedruckt, die eine eigenständige Formensprache ausbilden, da sie nur mit Flächen arbeiten und ohne Grauwerte auskommen müssen. Sie enthüllen damit ihr tragendes Gerüst, vermitteln aber auch ihre äußere Erscheinung in einer klaren Gliederung. Lissabon und Buenos Aires sehen wir, Städte am Meer, die durch ihre
Weltläufigkeit und den Handel geprägt sind. Impressionen sind das, aber auch mehr, weil diese Blätter in die Tiefe gehen und nicht an der Oberfläche Halt machen und eine willkommene Ergänzung zur Malerei ist.
Und dies zeichnet die Malerei Johannes Gervés aus: Die Sicht hinter, bzw. in die Dinge hinein, die Einfühlung in vernetzte Strukturen, in Bindekräfte, die Himmel und Erde, Wasser und Wolken zusammenführen.
In einer grandiosen malerischen Umsetzung lässt uns der Maler an seinen Erfahrungen teilnehmen und sorgt dafür, dass seine Bilder noch lange auf der Netzhaut nachwirken.
Dr. Martin Stather, Eröffnungsrede Museum Ettlingen, 28.2.2010

29. June 2010, 10:53 Uhr

Hieronymus Proske

FINISSAGE am Donnerstag, 24. Juni 2010
von 18:00 bis 21:00 Uhr

“appearing nude in public” – Malerei

Ausstellungsdauer: 02.06.09 – 26.06.2010

„appearing nude in public“

ist der Titel einer Ausstellung des in Hamburg und Dannenberg lebenden Künstlers und Filmemachers Hieronymus Proske in der georg molitoris galerie.
Proske studierte Grafik und Kunst an der UdK, Berlin sowie Film an der NYU in New York und an der HfbK in Hamburg.
Seine Bilder, die er bereits vielerorts ausstellte, sind geprägt von eigentümlichen Merkmalen: So wirkt seine Malerei immer leicht verschwommen und unscharf, sorgt somit dafür, dass die Betrachter sich immer selbst einbringen müssen. Egal, ob es sich um seine Landschaftsbilder, um Portraits oder seine „Nudes“ handelt, die Werke bringen uns in eine Art Zwischenwelt, die sich nicht ad hoc erschließen lässt und zeitlich entrückt wirkt.
Der Titel „appearing nude in public“ spiegelt gleich mehrfach den inhaltlichen Schwerpunkt einer neuen Bildreihe des Künstlers: Proske greift in sein privates Fotoarchiv und verfremdet auf seinen Bildern nackte oder halbnackte Frauen durch Malerei. Dabei bedient er sich traditioneller Mittel, um eine Umkehrung der digitalisierten Fotowelt zu erzeugen. Das, was in den Fotos noch Pixel waren, wird nun auf der Leinwand zu architektonischen Bildelementen umfunktioniert. Sie haben keine technische Bedeutung mehr, sondern lassen sich vielmehr künstlerisch erklären.
Proske bleibt sich auch in diesen Wer-ken malerisch treu, die Unschärfe und Verschwommenheit bilden auch hier die wesentlichen Wahrnehmungen.
Die strenge zeitliche Betitelung des Einzelbilds verweist lediglich auf den Moment der ursprünglichen Aufnahme, gibt aber keine zusammenhangsträchtige Auskunft.
Claus Friede, 2010

10. May 2010, 09:44 Uhr

Sammlerstück oder Reproduktion ?

reart®-Themenabend vom 22. April 2010 :

Sammlerstück oder Reproduktion – Moderne Grafik richtig beurteilen – der Kauf einer Grafik wirft viele Fragen auf.
Schärfen Sie Ihren Blick, stellen Sie die Fragen, die Sie immer schon stellen wollten.

Dr. Kathrin Reeckmann, Kunstvermittlerin und Gutachterin,
jahrelang Mitarbeiterin beim Auktionshaus Ketterer Kunst, Hamburg,
moderierte über Drucktechniken, Papiersorten, Wasserzeichen,
Signaturen, Stockflecken oder Lichtränder.






22. April 2010, 14:36 Uhr

reart-roadshow 2010

Einladung zur zweiten reart® – roadshow 2010 in Hamburg!
Eröffnung am Samstag, 10. April 2010 um 17:00 bis 20:00 Uhr
in der “georgmolitoris galerie”
Livemusik ab 17:00 Uhr: Alexandra Guiraud, Harfenistin
Ausstellungsdauer: 10. bis 23. April 2010

Künstler:
Otmar Alt | Elvira Bach | Enrico Baj | Ingrid Beckmann | James Callow | Christo | Francesco Clemente | Le Corbusier | Raimund Fraas | Harald Frackmann | Amaded Gabino | Volker-D. Heydorn | Horst Janssen | Allen Jones | Hubert Kiecol | Csilla Kudor | Joan Miró | Gabriele Münter | Henry Moore | Mimmo Paladino | Laura Panno | A.R. Penck | Pablo Picasso | Serge Poliakoff | James Rizzi | Volkmar Schulz-Rumpold | Sonia Sekula | Roger Selden | Gustave Singier | Sergei Volokhov | Ben Willikens | Paul Wunderlich

reart® – (revitalisierte Kunst) ist der Handel mit Kunstwerken namhafter und bekannter Künstler aus Privatbesitz, Nachlässen, Galerie- und Museumsarchiven.
Neben dem dauerhaften Auftritt im Internet – www.reart.de – finden in regelmäßigen Abständen reart® – roadshows (Verkaufspräsentationen) in den verschiedensten Städten statt.

BITTE VORMERKEN:
Galerierundgang in Eimsbüttel | www.galerie-in-hamburg.de
Samstag, 10. April 2010 ab 17:30
Ab 19:00 Uhr – Come Together Party – (Sillemstrasse 76/Galerie Ruth Sachse)

14. April 2010, 18:06 Uhr

Galerierundgang in Eimsbüttel - 10. April 2010

Samstag, 10. April 2010 ab 17:00 Uhr Galerierundgang in Eimsbüttel:
u.a.m. georg molitoris galerie | Reinking Projekte | Ruth Sachse | Schaltwerk Kunst |

BITTE VORMERKEN:
Ab 19:00 Uhr – Come Together Party – (HOF/ Sillemstrasse 76 / Galerie Ruth Sachse)

9. March 2010, 15:23 Uhr

KULTUR PORT .de

Der Kompass der Kuenste

Kultur-Port.De : direkt – interaktiv – meinungsbildend

“Allein in Hamburg finden täglich durchschnittlich 370 Kulturveranstaltungen statt, hochgerechnet auf die Metropolregion kommt man auf knapp 600. Diese enorme Zahl gibt nicht nur über das quantitative Angebot Auskunft, sondern auch darüber, dass es für so viele Veranstaltungen ein Publikum gibt.
Die sehr heterogene Kulturszene einer Großstadt, die vielen Kunst- und Kulturinteressierten wie Theaterbesucher, Ausstellungsgänger, Musikliebhaber, Cineasten, Literaturfreunde und Szenegewächse, sie alle spiegeln unsere Gesellschaft wider. Gibt es Kulturveranstaltungskalender wie Sand am Meer, so fehlt jedoch eine adäquate Berichterstattung aus dem Herzen der Kultur: Die mediale Berichterstattung über Kultur, Kulturpolitik und kulturelle Belange, auch einer Subkultur-Szene, ist unbestreitbar unzureichend. Der lokale Stadtsender baute 2008 seine eigen produzierten Kulturformate komplett ab. Die Printmedien im Hamburg schränken die Kultur & Medienseiten seit Jahren ein. Im Gegenteil bietet gerade das Web 2.0 eine zukunftsorientierte Kulturvermittlung, die direkten, interaktiven Einfluss auf Kulturproduktionen nehmen kann. Auch für die Kultur selbst ist die Kommunikation in einem Responsemedium weitaus attraktiver als in den traditionellen, linearen Medien.
„Kultur-Port.De“:http://www.kultur-port.de ist dieses interaktive Format, das als Internet-Kultur- und WebTV-Portal eine Lücke schließen soll und gleichzeitig sich nicht als Kontrapunkt zu den anderen Medien sieht, sondern als wichtige Ergänzung. „Kultur-Port.De“ will keine Oberflächen bedienen und jeden „mitnehmen“. Das Portal bietet auch Denkanstösse und Auseinandersetzungen, die in der sonstigen Web-Landschaft eher rar gesäht sind. Darüberhinaus entspricht es dem neuen Rezeptionsverhalten, sich eigenverantwortlich Informationen aus dem Netz zu holen, zu jeder Zeit, an jedem Ort. Dabei ergibt sich zwar häufig das Problem der Unbegrenztheit des Mediums: Je weiter die Streuung, desto beliebiger die Inhalte. Es ist wichtiger, die einzelnen Sparten im Auge zu behalten und gezielt ausgewählte Inhalte zu transportieren – diese eben keiner Beliebigkeit auszusetzen, sondern Vergleichbarkeiten zulassen und somit Entscheidungen und Haltungen möglich zu machen. Kultur ist immer geistige Auseinandersetzung mit dem Gestern, dem Heute und dem Morgen, ist an der Realität orientiert und liebt die Fiktion. Kein anderer gesellschaftlicher Bereich ist gleichzeitig so historisch und modern, ist so innovativ und konservativ zugleich. All diesen Phänomenen will „Kultur-Port.De“ gerecht werden. Wir berichten über die Kultur gezielt und punktgenau. „Kultur-Port.De“ ist das Internet-Feuilleton und anspruchsvoll. Wir wollen die Auseinandersetzung auch jenseits der Bühne, der Kinoleinwand, des Ausstellungsraumes u.s.w. und dies sichtbar, direkt, zeitnah, generationsübergreifend, meinungsbildend und respektvoll mit und gegenüber den Nutzern.”

Marc Frenzel, Claus Friede und Christoph Sommer

7. February 2010, 16:57 Uhr

stopped and found

VIVIANE GERNAERT, KIMBERLY HORTON, HELGE EMMANEEL
Skulpturen, Video Installationen, Photographien
Einladung zur Ausstellungseröffnung
am Mittwoch, 17. Februar 2010 um 19:00 Uhr.
Es spricht: Anna Wondrak M.A. | Kunsthistorikerin | München
Ausstellungsdauer: 17. 02. bis 27. 03. 2010

Einführungsrede von Anna Wondrak M.A. | Kunsthistorikerin | München
vom 17.02.2010 in der galerie molitoris:

Viviane Gernaert, geb. 1976, Skulpturen
Nolde-Stiftung

Geboren in München, wuchs Viviane Gernaert in Hamburg auf, wo sie Freie Kunst an der Hochschule für bildende Künste bei Pia Stadtbäumer studierte. Die wichtigste Inspirationsquelle für ihre Arbeiten sind zeitgenössische Filme aus dem Bereich Action, der fernöstlichen Martial Art
und dem Mafiagenre. In diesen Filmen geht es oft um Kampf, Kampfkünste und Gewalt. Und genau diese filmische Visualisierung von Kraft, Aggression, Schmerz, Kontrollverlust und Verletzung setzt Viviane Gernaert in ihren Skulpturen um. Dieses Vorhaben ist nicht einfach: auf der einen Seite hat man eine bewegte, filmische Vorlage, auf der anderen Seite ein – eigentlich – unbewegtes Objekt. Nun stellt sich die Frage, wie man die hohe dynamische Geschwindigkeit kämpferischer Szenen in eine starre Formübersetzen kann. Das geeignete Grundmaterial für diese mediale Übertragung fand Viviane Gernaert in Styropor; die geeignete Oberflächenstruktur erschafft sie durch das Formen und Aussteifen von Stoff. In Filmen von z.B. Quentin Tarantino oder David Lynch sucht sie gezielt nach Szenen, in denen sie den Höhepunkt einer Bewegung
stellvertretend für die gerade stattfindende Handlung extrahiert. Dadurch, dass dieser Moment skulptural umgesetzt und in den realen Ausstellungsraum überführt wird, wird die Darstellung auf eine unmittelbarere Ebene der Wahrnehmung gehoben. Auf den ersten Blick wirken die weißen Skulpturen unschuldig und geben keinen Hinweis auf ihre Vorlage. Erst beim genaueren Betrachten offenbart sich auf einer zweiten Ebene der Grund für die wirbelnden Posen. Der
Betrachterblick, der im Film häufig durch bildliche und ästhetische Mittel gelenkt wird, wird auch in den Skulpturen geführt. Dabei ästhetisiert und überhöht Viviane Gernaert diese fiktive, filmische Brutalität und Gewalt und verweist auf die Ambivalenz zwischen Darstellung und Dargestelltem. Im
Film gibt die Kameraeinstellung in der Regel eine bestimmte Perspektive vor. Durch die Überführung der Figur in die Dreidimensionalität muss Viviane Gernaert die fehlenden Blickebenen und Perspektiven neu erschaffen. An der Arbeit „Elle and I“ (die Vorlage stammt aus Quentin Tarantinos „Kill Bill“) werden die im Film vorhandenen Bewegungsunschärfen in die Form und Oberfläche der Arbeit mit aufgenommen. So sind dabei einzelne Partien genauer ausgearbeitet als andere. Ausgangspunkt der Pferd-Reiter-Skulptur „Sense of Honour I“ war eine der letzten Szenen in dem Film „Last Samurai“. Die Samurai
reiten auf das Kanonenfeuer zu, bereit, im Kampf – und damit in Ehre – ihr Leben zu lassen. Im Kampfgetümmel und in voller Bewegung kommt es zu vielen Stürzen. Pferd und Reiter unterliegen einer eigenen Dynamik, führen fast einen Tanz auf. Es entsteht eine spannungsreiche Gegenbewegung, die Pferd und Reiter auseinanderzieht und dennoch verbindet. Der Reiter fällt,
reißt noch am Zügel. Das Pferd stemmt sich dagegen, doch es ist klar, dass es ebenfalls stürzen wird. Die neueste Arbeit „Amores Perros I“ ist von Szenen des gleichnamigen Films inspiriert. Viviane Gernaert setzt auch hier filmische Bilder um; allerdings ändert sich jetzt das Material. Die kühle
glatte Oberfläche, die wie Porzellan anmutet, nimmt der dargestellten Szene durch die ästhetische Überhöhung auf den ersten Blick die Brutalität. Erst auf den zweiten Blick erschließt sich dem Betrachter, dass die scheinbar ruhige, grazile Skulptur zwei ineinander verbissene und verkeilte
Hunde sind, in einem Kampf auf Leben und Tod.


Kimberly Horton, geb. 1971, Video Installationen

Auch bei Kimberly Horton ist die Landschaft und Natur ein zentrales Thema. Geboren 1971 in Essen, wuchs sie in San Francisco auf, wo sie Fotografie studierte. Zurück in Deutschland folgte in Hamburg an der Hochschule für Bildende Künste das Studium bei Prof. Franz Erhard Walther.
Leitthema ihrer großformatigen Videoarbeiten ist das Reisen. Dabei geht es nicht um das Ziel der Reise, sondern um das Unterwegs-Sein in der Landschaft, um Bewegung, die Wahrnehmung der Natur, die damit verbundene Visualisierung von Raum und die Sehnsucht nach der Ferne, nach einem utopischen idealen Ort. Die in der Arbeit „Waldwandern II“ aneinandergereihten Landschaftsfotografien ziehen langsam am Betrachter vorbei und rufen das Gefühl hervor, als würde man in einem Bummelzug sitzen und aus dem Fenster in eine gemächlich vorbeigleitende Landschaft blicken. Die gezeigten Orte – Landschaften aus unserer Klimazone – sind nicht genau zuzuordnen. Durch die Überlagerung von zwei Bild-Schichten, die sich unterschiedlich schnell bewegen, spielt Kimberly Horton mit der
Wahrnehmung des Betrachters und suggeriert noch mehr Bewegung. In der Kombination von nahen und entfernten Ansichten entstehen immer neue, dynamische Kombinationen aus üppigdichten, grünen Wäldern; utopische Landschafts-Räume, in denen sich Frühling, Sommer, Herbst und Winter mischen. Sie ziehen vorbei wie ein Vorhang, bei dem man den Blick auf die Schicht davor oder dahinter richten kann, oder aber beides auf sich wirken lassen kann. Es sind Landschaften, die man aus dem Alltag kennt, die aber in seiner Hektik oft unbeachtet an uns vorüberziehen. In erster Linie sind Kimberly Hortons Landschaften menschenleer, nur selten sieht
man durch eine Straße, Eisenbahnschienen, einen Feldweg oder eine Brücke den Eingriff des Menschen in die Natur. Doch Kimberly Horton will nicht nur schöne, ästhetische Landschaften zeigen. Kleine Brüche, wie die sichtbaren Kanten der einzelnen Bilder, schleichen sich überall ein und verhindern das Bild einer perfekten glatten Welt. Kimberly Horton führt hier die Fotografie an die Grenze zum Film. Ist ein langsam bewegtes Foto immer noch ein Foto, oder schon ein Film? Wenn man reist und unterwegs fotografiert, macht dieses Reisefoto das Reisen an sich wieder zu etwas
Zweidimensionalem, bannt es auf das Foto, hält die Bewegung, das Vorankommen, an. Durch die Überführung der Fotografie in die Videoinstallation versucht die Künstlerin, dieses Dilemma aufzuheben. Sie versucht, Grenzen zu überschreiten, auch die Grenzen zwischen dem Innen und außen, nicht nur zwischen Mensch und Landschaft, sondern auch die sich innerhalb einer Person findende Rastlosigkeit. Die beiden Fotografien aus der Gruppe „long exposures“ zeigen in Langzeitbelichtung Oasen und
Landschaften innerhalb des urbanen Alltagsraums. In dem Spannungsfeld von Zeit und Raum erhält die Natur, wie hier sich im Wind bewegende Bäume, durch die Unschärfe eine malerische Qualität und steht im Kontrast zu den konkreten Bezugspunkten der menschlichen Umgebung – wie hier eine Parkbank.


Helge Emmaneel, geb.1969, Photographien

Helge Emmaneel, geboren in Essen. Nach einer 2jährigen Assistenz bei dem Maler und Bildhauer Ernst Oldenburg war Helge Emmaneel Fotoassistent bei Ralf Steinhoff. Seit 2001 lebt er als freischaffender
Künstler in Hamburg. Seine seriellen Fotografien kreisen um das Thema Landschaft, besonders um Meerlandschaften und ihre unberührte Natur, in der man die Spuren des Menschen noch nicht wahrnimmt. Und um
die Wahrnehmung geht es Helge Emmaneel. Die leicht abstrahierten Landschaften geben keinen Hinweis auf den genauen Ort. Doch das ist hier auch nicht wichtig. Der Betrachter soll die Bilder weder kategorisieren noch analysieren. Vielmehr geht es darum loszulassen, und einen flüchtigen
Moment, eine bestimmte Stimmung auf- und wahrzunehmen. Darum – wie Henri Cartier-Bresson sagte – „die ganze Welt in einem einzigen Augenblick festzuhalten“. Um eine Fokussierung auf die Wahrnehmung dieser Stimmungen zu ermöglichen, blendet Helge Emmaneel jegliche Art von
Störungen, also auch eventuelle Spuren menschlichen Lebens, aus. Durch diese Ausblendung schafft er ein Bewusstsein dafür, dass es eine unberührte Natur, eine ideale Landschaft, eigentlich fast nicht mehr gibt, und wie gedankenlos unsere Zivilisation und heutige Welt mit den Ressourcen der Natur umgeht. An den Meerlandschaften fasziniert Helge Emmaneel vor allem die „unerschöpfliche Veränderbarkeit des Meeres“. An der Nord- und Ostsee, in Irland oder auf den Kanarischen Inseln sucht er die kleinen Momente, in denen, so sagt er: „sich Farben und Formen der Natur, das zufällige Zusammenspiel des Lichts, des Wassers, der Wolken und des Windes sich zu einer Komposition verdichten“. Photographie kommt ja aus dem Griechischen und heisst „mit Licht malen“, und das macht Helge Emmaneel. Ursprünglich aus der Malerei kommend, vermittelt er in seinen Arbeiten formal eine malerische Qualität. Als die Fotografie erfunden wurde, reagierte die Malerei zum Teil darauf, indem auch sie sich in eine realistische Darstellungsrichtung und somit auf die Fotografie zu
bewegte. Helge Emmaneel geht den umgekehrten Weg, schafft eine Rückkopplung zwischen Malerei und Fotografie: man weiß im ersten Moment nicht unbedingt, um welches Medium es sich handelt. Dabei sind die meist großformatigen Fotografien nicht digital nachbearbeitet. Alle Effekte entstehen während er fotografiert. Ohne Stativ entsteht durch extrem lange Belichtungszeiten und leicht verschobene Doppelbelichtungen der Eindruck einer flüchtigen Begegnung und Bewegung. Helge Emmaneel dekonstruiert seine Motive. Dadurch mischen sich in der Unschärfe Farben und Formen, und der Betrachter erhält die Möglichkeit, seine innere Idee, die er von den Dingen hat, mit der gezeigten Welt abzugleichen.

Gegenüberstellung
Was alle drei Künstler eint, ist die Beschäftigung mit Bewegung, Stillstand, Licht, Zeit und Raum. Allen drei geht es um das Sehen, um die Wahrnehmung, wenn auch die Herangehensweise und Umsetzung eine ganz unterschiedliche ist. Die Arbeiten von V.G. und H.E. wirken auf den ersten Blick geradezu konträr: V.G. überführt eine filmische Darstellung in skulpturale Realität, während H.E. das zufällige Zusammenspiel von Form, Farbe und Licht fotografisch vereint. Sowohl Fotografie als auch Film verbinden sich wiederum in den bewegten Bildern von Kimberly Horton.
Alle drei fixieren einen flüchtigen Moment und ästhetisieren das Dargestellte, zum großen Teil durch Unschärfe. V.G. bedient sich der Unschärfe zur Simulierung von Bewegung in der Form ihrer Skulpturen, H.E. und K.H. erzeugen Unschärfe und damit Bewegung u.a. durch Langzeitbelichtungen. Ein grundlegender Unterschied ist jedoch der dabei gewählte Moment, ein Gegensatz von Bewegung und Stillstand: bei H.E. ist es Entschleunigung, bei V.G. der Höhepunkt einer Beschleunigung. K.H. wiederum zeigt in ihren Videoarbeiten Momente verschiedener
Geschwindigkeiten, die sich überlagern.
„stopped and found“ heißt die Ausstellung, und innegehalten und seinen eigenen Blick gefunden hat jeder der drei. Sie sind nun eingeladen, darin einzutauchen und dann Ihren ganz eigenen Blick auf die Wirklichkeit zu kreieren und auch zu hinterfragen.

Texte: Anna Wondrak M.A. | Kunsthistorikerin | München | 2010

11. January 2010, 10:44 Uhr

KUNSTBASAR 2009

Die Ausstellung wird verlängert bis zum 09.01.2010
Besichtigungen außerhalb der Öffnungszeiten sind jederzeit nach Vereinbarung möglich.

Künstler
So-Ah Yim | Dietrich Leyh | Reinhild Ischinski | Jan Bertheau
Otto A. Jahrreiss | Nina Venus | Fernando de Brito | Svenja Maaß
Nicolas A. Baginsky | Rita da Silva | Ille M. Lassen | Peter N. Heikenwälder
Bianca Müllner | Stefan Oppermann | Bernd Naber | Pierot Markmann
Helge Emmaneel | Cora Korte | Jacob Herskind | Roswitha Hecke |
Hieronymus Proske

1. December 2009, 08:23 Uhr

let`s go home

PRESSEMITTEILUNG

let´s go home

Am Donnerstag, den 29. Oktober, wird in den beeindruckenden Räumlichkeiten des neuen S-KAI, das vom preisgekrönten Architekten-Team Jürgen Böge & Ingeborg Lindner-Böge entworfen wurde und vorübergehend einen experimentellen Raum für Kunst bietet, erstmals eine Kunstausstellung eröffnet: Let’s go home.

Hierzu wurden Internationale Künstler ausgewählt um auf der 800 qm großen Fläche des neu gestalteten Gebäudes am Sandtorkai bereits vorhandene oder eigens in Auftrag gegebene Werke vorzustellen. Sie wurden ausgewählt um sich in Hamburg, eine bedeutende Hafenstadt die sich klassisch als ‚Tor zur Welt’ versteht, mit vielfältigen und teils auch kontroversen Definitionen des Begriffs „Zuhause“ zu befassen.

Unter „Zuhause“ verstehen wir gemeinhin einen geordneten physischen Raum, einen zentralen und stabilen Ausgangspunkt im Leben eines Kindes. In Anna Skladmanns Reportage über privilegierte russische Kinder erweist sich das Zuhause jedoch nicht als Synonym für eine unschuldige Kindheit, sondern als materialistische Show, in der sich diese „kleinen Erwachsenen“ zu beweisen haben.

Während für manche das Zuhause mit schlimmen Erinnerungen an Streitigkeiten verbunden ist, stellt es für andere einen Ort der Sicherheit und Liebe dar. In seinem halb-fiktiven Dokumentarfilm stellt Teboho Edkins einer komplizierten und theatralischen Liebe in einer Pariser Wohnung auf ironische Weise Szenen aus einer vermeintlich „einfacheren“ Liebe im afrikanischen Lesotho zur Seite. In ähnlicher Weise befasst sich Maria Almeida Bragas „In and Out of Love“ mit der Liebe und dem Streben nach Gleichgewicht. Auch Jinran Kim verbindet das Zuhause mit dem Thema der Intimität: In ihrem „Soap Project“ steht die Seife symbolisch für die intimsten Momente unseres täglichen Lebens.

Das Zuhause ist auch Träger von Erinnerungen. Franziska von Stenglins „Der Felsen Von Unten“ porträtiert entlegene maltesische Wohnhäuser, die vollgestellt sind mit Sammlungen von Antiquitäten und Kitsch. Dabei entsteht durch die Wiederholung von Objekten eine gewisse Banalität. Von Stenglin stellt diese photographierten Szenen in originalen Schaukästen des Berliner Museums für Naturkunde aus. Diese Verbindung zur Naturgeschichte reicht in den akribisch präzisen Zeichnungen und Schnitten von Tiphaine de Bodman sogar noch weiter: Hier wird das Konzept des „Zuhauses“ als Zentrum der Welt untersucht, wobei die geologischen Schichten auf den Ursprung des Lebens verweisen.

In umgekehrter Weise betont Yudi Noor mit „Dont’ think twice it’s a fake“, dass das Zuhause nicht nur ein Zentrum bildet, sondern gleichermaßen eine Tür, durch die man gehen und auch zurückkehren kann. Ein Haus, das eine vollständig abgeschlossene Struktur bildet, wird zum Tollhaus. Thomas Draschans Collagen verwenden das Mittel der Inkongruenz um Gedanken von zerstörter Ordnung und Dekadenz zu visualisieren.

Was geschieht, wenn das Vertraute, das Zuhause, ‚unheimlich’ wird? In Sophie Holsteins Gemälden erscheinen die Charaktere wie Opfer von Missverständnissen, die unmittelbar vor einem Konflikt stehen. Auch Jill Mulleadys Innenräume sind fragmentierte Orte, die genau so aussehen, wie sie sich in der Erinnerung darstellen würden, und die Grenze zwischen Fakten und Fantasie bilden.

In unserem Zeitalter des Virtuellen, der Globalisierung und ständigen Bewegung wird überall auf der Welt das Zuhause zerstört, Identitäten werden geschwächt. Immer mehr Menschen werden zu Nomaden, die ständig ihren Aufenthaltsort wechseln und sich fortwährend neu definieren. Luke Turners Film über ein Foto beschwört diesen provisorischen Zustand herauf, in dem man zwischen allen Stühlen sitzt, und lässt dabei eine Spannung zwischen dem bewegten Bild und dem starren Foto entstehen. Nastja Rönkkö stellt diese Positionierung zwischen zwei Welten in ihren recht melancholischen Gemälden dar, in denen beschrieben wird, dass das „Zuhause“ physisch nicht mehr existiert, sondern vielmehr als entfernte Wahrnehmung fortbesteht.

So lässt sich das „Zuhause“ für viele auch als symbolischer Raum betrachten, der sich zwischen dem formlosen Reich der Einsicht und Inspiration und der externen „Realität“ von Erscheinungen befindet. Es ist ein Ort, an dem das „Leben“ stattfindet – ein Ort, den wir uns erschaffen, und letztlich auch der Ort, dem wir uns zugehörig fühlen.

Schließlich müssen Menschen „ankommen“, sich an einen Ort begeben, an dem das Leben zur Ruhe kommt. Mit seinem „Blind Disco Ball“, einer Diskokugel, die kein Licht mehr reflektiert, kündigt Alejandro Moncada an, dass die Party vorbei ist: Let us go home.

- ENDE

Anmerkungen für den Herausgeber
Let’s Go Home, veranstaltet mit der großzügigen Unterstützung der DWI Grundbesitz GmbH, wird am 29. Oktober eröffnet und schließt am 6. Dezember 2009.

Das vom preisgekrönten Architekten-Team Jürgen Böge & Ingeborg Lindner-Böge entworfene S-KAI liegt im Herzen von Hamburgs zu neuem Leben erweckter HafenCity. Das S-KAI wurde von der DWI Grundbesitz GmbH in Auftrag gegeben und befindet sich derzeit im Eigentum der Norrporten-Gruppe.

Adresse:
Am Sandtorkai 50
20457 Hamburg
Deutschland

Öffnungszeiten:
Donnerstag-Sonntag, 14-19 Uhr

Weitere Informationen erhalten Sie von:
Charlotte Friling
Kuratorin
charlottefriling@gmail.com


24. October 2009, 12:38 Uhr

Jan Bertheau

“unbunt” – Malerei
Einladung zur Ausstellungseröffnung
am Mittwoch, 04. November 2009 um 19: 00 Uhr
Es spricht: Dr. Kathrin Reeckmann, Kunstvermittlung
Ausstellungsdauer: 04.11.09 – 28.11.09
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, 2009

Jan Bertheau (geb. 1955) studierte Malerei bei KP Brehmer an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Er lebt und arbeitet in Hohwacht/Holstein.

Eröffnungsrede: Jan Bertheau, „unbunt“, 4.11.2009

Liebe Kunstfreunde,

Im Jahr 1927 lief in deutschen Kinos der Film „Berlin. Sinfonie einer Großstadt“ an. Der Regisseur Walther Ruttmann zeigte in einer rasant geschnittenen Dokumentation einen Tag in Berlin, der ersten modernen deutschen Metropole: Ein Tag von frühmorgens bis spät in die Nacht; Bilder von Arbeitern, Angestellten, Hausfrauen, Polizisten, Postboten, Kindern auf dem Weg durch die Straßen; Bilder von Fabriken, Wohnhäusern, Büropaläs-ten, Nachtclubs, Autos, Straßenbahnen, Pferden. Ruttmann filmte neue, nie gesehene Blicke und Perspektiven, und es gelang ihm, aus dem vorbeirauschenden Großstadtle-ben einzelne Szenen und Bilder herauszufiltern, die noch heute als Synonyme für Groß-stadt, für modernes Erwerbsleben stehen.
Jan Bertheaus Bilder sind die Bilder unserer heutigen Großstadtsinfonie. Sie sind inner-lich eingeprägte Chiffren der großstädtischen Welt aus Büros, Straßen, öffentlichen Räumen, deren Teil der Maler selbst jahrelang war. Kein Baum, kein Stückchen Himmel aus seinem Holsteiner Atelier verirrt sich in diese Weltbilder aus Stahl, Glas und Beton. Der Blick des Malers auf die Welt ist starr. Er sieht alles, und er sieht nichts genau. Unse-re urbane Welt flutet in das weit geöffnete Auge des Malers. Er analysiert, was wir sehen und wie wir sehen. Unser Blick erfasst vieles gleichzeitig, bewusst wahrgenommen und letztlich gespeichert werden indes nur Versatzstücke unserer täglichen Lebenswelt. Jan Bertheau spürt diese heraus und macht sie zum Motiv. Aus dem unbewusst Gebliebenen unseres Blicks entwickelt der Maler hybride Formen, gegenständlich und abstrakt zugleich – die Bilder zeigen das, was sich vom Schauen in die Welt letztlich in die innere Festplatte einbrennt. Jan Bertheau malt eine ganz neue Art von Bildern, etwas, was wir so noch nicht gesehen haben und was wir aber doch gleich erkennen und kennen – eben unseren eigenen Blick, unser Bild der Welt. Man kann vor diesen Bildern stehen, sie mö-gen oder nicht. Kaltlassen werden sie aber keinen.
Jan Bertheau beschränkt sich in seinen aktuellen Bildern auf eine der interessantesten Farben der Malerei. Zwischen den denkbar größten Gegensätzen Schwarz und Weiß lie-gend, bietet Grau dem Maler mit über fünfhundert für den Menschen unterscheidbaren Tönen ein unerschöpfliches Ausgangsmaterial. Die Reduktion der Farbpalette auf eine Farbe lenkt den Blick des Betrachters unmittelbar auf den malerischen Vorgang und seine expressiven Gesten. Sie streicht die Sinnlichkeit des Mediums Farbe als des urei-gensten Mediums der Malerei heraus: Die übereinanderliegenden, oft lasierenden Farb-schichten sprechen vom Entstehungsprozess des Bildes, die pastosen Spitzen halten das Auge fest und die freistehenden Flächen von grundierter Leinwand bringen Lichtenergie ins Bild.
Jan Bertheaus bevorzugter Farbton – Payne’s Grey – ist eine Mischung aus Ultramarin und Ruß-Schwarz. Bei dünnem Farbauftrag kommt das Blau verstärkt zur Geltung und verleiht den Bildern ihr eigentümliches Leuchten, ihre ganz eigene Aura.
Jan Bertheau ist nicht der erste, der Bilder in Grau malt. Aber was er aus der Farbe her-ausholt, das ist neu und anders. Der Schwarz-Weiß-Kontrast, dazugehörig auch die Far-be Grau, ist ja das künstlerische Mittel der Grafik, der Zeichnung schlechthin. Jan Bertheau nutzt die grafische Energie des Schwarz-Weiß für seine Malerei – er macht mit ganz wenig Mitteln Musik. Bertheaus Kompositionen haben alle einen Rhythmus, mal schneller, mal langsamer, aber immer intensiv und deutlich spürbar. Diesen Beat, den spüren wir, wenn wir vor den Bildern stehen.

Die Farbe Grau wirkt bei Jan Bertheau auch auf der unterbewussten Ebene. Seine Bild-sprache ist weder gegenständlich noch abstrakt. Bertheau malt hyperrealistische Abbil-der des inneren Blicks. Diesen Anspruch, das wirkliche Bild der Welt zu erfassen, unterstreicht die Farbe Grau. Grau ist schließlich nicht nur die Farbe der Eintönigkeit, der Eleganz, des Alters oder der Dämmerung. Grau ist auch die Farbe, der wir lange ver-traut haben – es ist die ursprüngliche Farbe der Fotografie (natürlich auch die frühe Farbe des Films, so wie Ruttmanns Großstadtsinfonie). Die Farbe der Fotografie, die, zumindest im ersten Ansatz , alles genau so wiedergibt, wie es wirklich ist. Später kam die Buntheit in die Fotos, aber Zeitungsfotos blieben viel länger – bei der F.A.Z. bis vor zwei Jahren – schwarz-weiß, also grau. Wir sind geneigt, solch einem Foto erst einmal zu vertrauen. Schwarz-Weiß-Fotos strahlen auch heute noch eine gewisse Seriosität aus – in einer Zeit der digitalen, blitzschnell zu verbreitenden bunten Bilderflut vielleicht so-gar wieder mehr als noch im vergangenen Jahrhundert. Auch Jan Bertheaus Bilder bean-spruchen für sich, wahr zu sein, das innere Bild der Welt zu zeigen. Ihr kühles Schwarz-Weiß, ihr Grau verleiht ihnen etwas Dokumentarisches, etwas Objektives, Unangreifba-res. Der dokumentarische Anspruch der Bilder existiert neben ihrem Sein als purer Ma-lerei. Beides zusammen ergibt jene eigentümliche Mischung, jenen Hybrid-Charakter, jenes Neue, was Jan Bertheaus Kunst ist.

Jan Bertheau spürt den Stimmungen unseres Jahrzehnts nach. Er findet Verunsicherung, Vereinzelung, Sehnsucht nach Werten und Sinn. Die moderne Großstadt-Gesellschaft beschäftigt den Maler seit den 1990er Jahren. Immer wieder entstehen Werke zu diesem Thema. Mit dem 11. September 2002 wurde dann zu ersten Mal allen klar, dass sich die Nachkriegswelt geändert hatte. Ein diffuses Gefühl von Verunsicherung beschlich das Wirtschaftswunderland Deutschland. Wirklich beeinträchtigt wurde das öffentliche Wohlbefinden aber eher weniger, bis 2008 die Banken zusammenkrachten und die Rea-lität auch in deutsche Köpfe und Herzen einbrach. Da waren Jan Bertheaus Bilder schon da – als Chiffren unserer Zeit – kühl und sehnsuchtsvoll, gefährlich und schön.

Ich habe Ihnen Jan Bertheau als Maler seiner aktuellen Bilder vorgestellt und möchte nun noch einige biografische Daten hinzufügen.
Jan Bertheau ist gebürtiger Hamburger. Er studierte an der Hamburger Kunsthochschule bei K.P. Brehmer Malerei und lebt heute mit seiner Familie in Hohwacht/Holstein an der Ostsee. Hier entstehen die Bilder der Großstadt, die Sie heute sehen – und vielleicht ist ihr eigentümliches blaues Leuchten ja auch ein kleiner Abglanz des Meeres – das wäre an Tagen wie heute doch eine tröstliche Vorstellung.
Dr. Kathrin Reeckmann, Kunstvermittlung

28. September 2009, 12:11 Uhr